Kongress auch von zu Hause aus

Beruf Digital Part Gesundheit Meinungen Teilhabe

Weitere Veröffentlichung in den Kobinet-Nachrichten am 12.09.19.

Leipzig / Marburg / Freiburg (kobinet) Die Inklusionsbotschafter*innen Esther Schmidt, Jennifer Sonntag und Dr. Carolin Tillmann engagieren sich für eine selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen. Das Trio fordert in seinem Beitrag für die kobinet-nachrichten außerdem das grundsätzliche Angebot der Tele-Teilhabe an Tagungen und Veranstaltungen:

Beitrag von Esther Schmidt, Jennifer Sonntag und Dr. Carolin Tillmann

Weil gerade wir Menschen mit Behinderungen uns, wie die aktuelle Lage zeigt, immer wieder gesundheitspolitisch einbringen und aus der Betroffenenperspektive Gesicht zeigen müssen, möchte ich, Jennifer Sonntag, mit meinen Mitbotschafterinnen Esther Schmidt und Carolin Tillmann in diesem Beitrag ein wichtiges Anliegen formulieren. Wir fordern digitale Teilhabe- und Teilnahmemöglichkeiten an Kongressen, Tagungen, Workshops und Netzwerktreffen. Menschen mit erheblichen Behinderungen oder chronischen Krankheiten können aufgrund ihrer Beeinträchtigungen oft nicht oder nicht immer einer Reisetätigkeit nachkommen und sind somit als Referent*innen oder Teilnehmer*innen ausgeschlossen.

Wir fordern auch hier ein inklusives Umdenken und bitten Veranstaltende, zum Beispiel Tagungsbeiträge auch digital zur Verfügung zu stellen oder Expert*innen, die nicht mobil sind, mittels technischer Hilfen zuzuschalten. Auch könnten zum Beispiel Audio- oder Videobotschaften vorproduziert oder schriftliche Beiträge verlesen werden. So ist auch ein fachlich einbettbarer Umgang mit Anfallsleiden, Schmerzschüben, Chemotherapien, häuslicher Beatmung, Bettlägerigkeit, temporären Klinikaufenthalten usw. möglich.

All dies schmälert nicht die Kompetenz, gerade bei gesundheitspolitischen Themen eher im Gegenteil, macht aber ein persönliches Anreisen unmöglich. Gleichzeitig wäre ein digitales Aufbereiten von Vorträgen oder Tagungsinhalten auch ein Mehrwert für Personen, die aus dienstlichen Gründen verhindert sind, aber für die das Thema sehr relevant oder interessant ist.

Nachhaltig wäre dieser Ansatz allemal und man könnte mit den digitalen Einreichungen und Aufbereitungen auch Akteur*innen und Partner*innen über Kongresse und Ländergrenzen hinaus erreichen, um neue Inklusionsimpulse anzubahnen. Wir freuen uns auf Ihre Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten für mehr digitale Zugänglichkeit zu Kongressen und Tagungen für Menschen, die behinderungs- oder krankheitsbedingt nicht dabei sein können. Absurderweise betrifft das sehr oft auch Veranstaltungen und Anfragen, bei denen es inhaltlich gerade um unsere Belange geht. Hier ist es besonders wichtig, dass unsere Potenziale, aber auch unsere Bedürfnisse und die Vermeidung von Ausgrenzung mitgedacht werden.

Hier benötigen wir, wie es in anderen Bereichen für die Planung inklusiver Veranstaltungen schon konzipiert wurde, Leitfäden und Checklisten. Erfahrungswerte sind herzlich Willkommen.

An dieser Stelle möchte ich meine Mitbotschafterin Esther Schmidt mit sehr relevanten Überlegungen zu Wort kommen lassen. Sie führt aus: „Bewege ich mich im digitalen Raum, also zum Beispiel von meinem Daheim aus im Internet, nehme ich mich weitgehend Barriere-befreit wahr. Es gelingt mir außerdem leichter, meine zum Teil sehr divers gesellschaftlich zu verkörpernden Rollen stimmig unter einen Hut zu bringen.

Dank der Digitalisierung ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ja auch im Falle von Immobilität, chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder Gehemmtheit aufgrund tabuisierter und schambesetzter Probleme möglich. Deswegen ist aus dieser Perspektive die Forderung nach digitaler Partizipation an Kongressen und Zusammenkünften richtig und auch gewissermaßen gesund. Beteiligung mittels Nutzung digitaler Tools kann darüber hinaus dem Plan von der sektorenübergreifenden Steuerung einer „Gesundheit-in-allen-Politikbereichen“ wesentlichen Vorschub leisten.

Außerdem könnten sich Gleichstellungsprozesse parallel beschleunigen. Zum Beispiel, wenn es um die Missverhältnisse geht bei den Vorstellungen von „männlich und weiblich“, von „versorgungsbedürftig und sorgetragend“, oder von „arm-dran- und gut-gestellt-sein“. Die digitale Welt birgt nun die große – „Gender“ – Chance, soziale Ungleichheiten zu überwinden und Grenzgänger zu werden: Statt Ausgrenzungen zu nähren, Netzwerke nutzen!

Geht es zum Beispiel um den Begriff einer integrierten Versorgung: Da sollten wir gleichermaßen dabei sein. In eigener Sache, als Experten, und als Fachpersonen und Spezialisten. Und unabhängig von unserer jeweiligen eigenen Verfassung und Verfasstheit. Bei Bedarf eben digital aus der Ferne, mittels Tele und Tablet, von zu Hause und gar vom Bett aus. Wie gewünscht in den eigenen Reihen zuerst und insbesondere in den Bereichen Wissenschaft, Gesundheits-, Versorgungs- und Sozialwesen sowie Selbsthilfe und Inklusion. Denn all das betrifft uns persönlich und selbst, wie es alle betrifft.“

Meine Mitbotschafter*in Carolin Tillmann beschreibt in ihrem Buch „Niemand sollte vor seinem Tod sterben“, dass fehlende Teilhabe, kombiniert mit Ausgrenzung und Diskriminierung, zu sozialem Sterben führen kann. Dieses beinhaltet den Verlust von Rollen, Anerkennung und sozialen Teilhabechancen. Fehlende digitale Zugangsmöglichkeiten verstetigen im Zeitalter der Digitalisierung den Verlust von Teilhabe und begünstigen soziales Sterben. Im Gegensatz zu anderen Formen des Sterbens kann das soziale Sterben jedoch aufgehalten und rückgängig gemacht werden.

Sie ergänzt: „Der sich bietende medizinische Fortschritt des Länger-leben-Könnens mit schwerer Erkrankung kann erst dann seine volle Wirkung entfalten, wenn parallel dazu eine Teilhabe in allen Lebensbereichen gewährleistet wird.“

Zum Trio, das diesen Beitrag verfasst hat:

Jennifer Sonntag ist TV-Moderatorin (Sendung „Selbstbestimmt!“ beim MDR-Fernsehen), achtfache Buchautorin und Sozialpädagogin/Peer Beraterin. Sie ist blind und von mehreren chronischen Krankheiten betroffen.

Esther Schmidt ist beruflich Ärztin, und außerdem in den Bereichen Beratung für Persönliche Assistenz, Soziales Management und für Patienten laienverständliches Übersetzen ärztlicher Befunde zertifiziert.

Dr. Carolin Tillmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philipps-Universität Marburg, Autorin und Hospizhelferin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.