„Wie behinderte Menschen und auch Kinder vor 80 Jahren „behandelt“ wurden.

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Aus „Anton oder die Zeit des unwerten Lebens“ von E. Zöller – Nachwort von Ernst Klee: „…

Organisiert wird der Massenmord behinderter Kinder von der Kanzlei des Führers, einem Amt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDSP) Hitlers. Um die Morde zu tarnen, wird eine Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 eingerichtet, weshalb sich das Tarnungskürzel T4 einbürgert. Als Mordzentren dienen Vergasungsanstalten wie Hadamar bei Limburg in Hessen. Hier sterben die Opfer in einer als Duschraum getarnten Gaskammer. Behinderte Kinder, die in Heimen leben, werden wie die Erwachsenen in der Gaskammer ermordet.

Kinder, die zu Hause bei ihren Eltern leben, haben die größte Chance, der Ermordung zu entgehen. Sie müssen jedoch stets fürchten, zum Beispiel nach einem Arztbesuch verraten zu werden. Die Erfassung von Kindern, die neu geboren werden, regelt ein Erlass des Innenministeriums von August 1939. Danach haben Ärzte und Hebammen angeblich ‚zur Klärung wissenschaftlicher Fragen’ die Geburt eines behinderten Kindes anzuzeigen. Die Meldungen gehen zunächst an das Gesundheitsamt, danach an einen ‚Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingtem schweren Leiden’ nach Berlin. Der wissenschaftlich klingende Name dient der Täuschung.

Die zur Tötung bestimmten Kinder kommen in eine von etwa dreißig ‚Kinderfachabteilungen’ (ebenfalls eine Tarnbezeichnung). Es werden vorwiegend Kinder getötet, die später als Arbeitskraft nicht nützlich sind. Das Tarnwort für Tötung heißt ‚Behandlung’. (‚Das Kind kann behandelt werden.’) Der Psychiater Ernst Beese, am 1. Dezember 1944 an den Reichsausschuss: ‚Seit Ende August haben Frau Dr. Wesse und ich rund 250 Behandlungen erfolgreich durchgeführt.’

- 1939: "Kindereuthanasie": Tötung von erbkranken und kognitiv oder körperlich beeinträchtigten Säuglingen und Kindern. > 5.000 Opfer

- Kurz danach: „Erwachseneneuthanasie“: Aktion T4: planmäßgeTötung von 70.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Heil- und Pflegeanstalten sowie Heimen für Menschen mit Behinderung 

- August 1941: die Phase der "wilden Euthanasie" nach offizieller Einstellung der „Aktion T4“  : gezielte Tötung von 30.000 Menschen in Behinderten- Einrichtungen (um Platz für verwundete Soldaten zu schaffen).

>> Ausgegangen wird vom 300.000 Patientenmorden europaweit in der Zeit des Nationalsozialismus'.

Gemordet wird vorwiegend durch Verabreichung verschiedener Schlafmittel. Oft wird das Gift ins Essen gemischt. Vielen Kindern wird das tödliche Mittel auch mittels Spritzen verabreicht. Die Folgen: Nach einigen Tagen tritt eine Lungenentzündung ein, an der die Opfer sterben.

Zahlreiche Kinder werden vor ihrer Ermordung wie Versuchskaninchen zu medizinischen Versuchen benutzt. So steckte Dr. Georg Hensel, Oberarzt der Kinderheilstätte Mittelberg im Allgäu, Kinder der Anstalt Kaufbeuren mit Tuberkulose an. Die Kinder erkranken schwer, ehe sie sterben: Sie bekommen vereiterte Drüsen, hohes Fieber, faustgroße Geschwüre. Hensel wird nach 1945 Chefarzt des Schutzengelheims in Lautrach. Er musste sich nie vor einem Gericht für seine Untaten verantworten. Überhaupt: Nur wenige der ärztlichen Kindermörder wurden nach Kriegsende bestraft.

Die Eltern und die Angehörigen behinderter Kinder wurden getäuscht. Man versprach ihnen beste Behandlung ihrer Kinder, um sie in eine Anstalt bringen zu können, wo sie getötet wurden. Viele Eltern ahnten, was man vorhatte, und beschützten ihre Kinder. Ja, es ist zu sagen, dass die Eltern zu nahezu hundert Prozent um ihre Kinder kämpften. Es gibt einen Arzt, Dr. Fritz Kühnke, der selbst zahlreiche Kinder tötete. Dann bekam seine Frau selbst ein behindertes Kind. Kühnke ließ es nicht töten, er hörte vielmehr mit dem Töten auf.

Die Forderung nach Vernichtung der angeblich Minderwertigen ist keine Erfindung der Nazis. Lange vor 1933 wurde argumentiert, im ‚Kampf ums Dasein’ behindere die Pflege von Kranken und Schwachen die biologische Fortentwicklung eines Volkes. Die Einteilung der Menschen in angeblich Hochwertige (körperlich gesunde, möglichst großgewachsene und möglichst auch noch blonde Deutsche) und Minderwertige (Farbige, vor allem aber Juden) führte zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, als die angeblich Hochwertigen ihre angebliche minderwertigen Nachbarn im Osten Europas überfielen, beherrschen und zu Arbeitssklaven herabwürdigen wollten.

„Die Selektion, das heißt die Bewertung von Menschen nach ihrer biologischen oder staatlichen Nützlichkeit, ist stets der Beginn der Unmenschlichkeit. Jeder Mensch hat seinen eigenen Wert. „

Ernst Klee

Viele meiner Freunde sind behindert. Dieser Freundschaft habe ich viel zu verdanken.“

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